Bernd Kränzle: Rede zum Volkstrauertag

Bernd Kränzles Rede zum Volkstrauertag am 18. November 2012 in der Kirche Sankt Pankratius
Im Zeichen der Integration sind Teile der Rede ins Russische übersetzt.
 
Der Volkstrauertag ist jedes Jahr im November ein Tag des stillen Gedenkens an alle Opfer von Krieg und Gewalt. Er ist aber zugleich ein Tag der Besinnung, wie wir heute auf Krieg, Gewalt und Terror reagieren, was wir heute für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit bei uns und in der Welt tun können.
Nicht nur die Tradition, sondern auch die Einsicht in seine traurige Aktualität angesichts der zahllosen bewaffneten Konflikte beantwortet immer wieder geäußerte Zweifel, ob wir diesen Gedenktag noch brauchen, 67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Ich selbst bin Mitten im Krieg geboren, und ich sage Ihnen:
Ja, wir brauchen den Volkstrauertag - aus Respekt vor den Millionen Opfern von Krieg und Gewalt. Wir brauchen diese Momente des Innehaltens, genauso wie wir Orte des Gedenkens brauchen, damit das, was geschehen ist, nicht verdrängt wird. „Nie wieder Krieg“ - das war und ist eine Identität stiftende Forderung an Staat und Gesellschaft und sie ist keineswegs überholt. Sie braucht Stützen der Erinnerung. Gedenktage und Denkmale bringen zum Ausdruck, welche Ereignisse und Erfahrungen unserer Geschichte wir im Bewusstsein auch künftiger Generationen bewahren und lebendig halten wollen.
 
Der Volkstrauertag gehört dazu. Seine Geschichte ist älter als die Geschichte der Bundesrepublik. Sie geht zurück auf eine Anregung des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge aus dem Jahre 1920. Damals ging es darum, an die Toten des Ersten Weltkrieges zu erinnern. Verbunden damit war die Hoffnung, dass die Erinnerung an den Schrecken und das millionenfache Leid des Krieges den Frieden unverbrüchlich machen würde. Diese Hoffnung wurde weniger als zwanzig Jahre später grausam enttäuscht. Erst nach dem vom nationalsozialistischen Deutschland entfachten Zweiten Weltkrieg ist sie jedenfalls in Europa weitgehend Realität geworden. "Weitgehend", weil wir beschämt zugeben müssen, dass es der europäischen Staatengemeinschaft nicht gelungen ist, am Ende des 20. Jahrhunderts Völkermord und Krieg im ehemaligen Jugoslawien zu verhindern.
 
"Versöhnung über den Gräbern, Arbeit für den Frieden" - heißt es im Motto des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der heute in 45 Staaten rund zweieinhalb Millionen Soldatengräber betreut. Der Volksbund hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gebeine gefallener Soldaten zu bergen und würdevoll zu bestatten. Für die Angehörigen der Toten ist dies eine außerordentlich bedeutsame Arbeit: sie gibt ihrer Trauer einen Ort.
Nach dem Fall der Mauer wurden allein in Osteuropa in den vergangenen Jahren die Gebeine von rund einer halben Million deutscher Soldaten gefunden, die auf neu eingerichtete Friedhöfe umgebettet wurden. Viele Kriegsschicksale konnten noch aufgeklärt werden.
 
Die Arbeit des Volksbundes hat aber auch eine politische Dimension, die in die Zukunft weist. Denn das, was auf den Soldatenfriedhöfen geleistet wird, ist auch von herausragender Bedeutung für die Völkerverständigung und die Aussöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern. Soldatenfriedhöfe sind eben nicht nur Orte des Gedenkens und des Erinnerns, sondern können auch Orte sein, an denen Versöhnung wächst.
 
Und so ist es ein gutes Zeichen, dass sich bis heute Jahr für Jahr junge Leute finden, die freiwillig auf den Soldatenfriedhöfen helfen. Auf den ehemaligen Schlachtfeldern ihrer Großväter, Urgroßväter und Ur-Urgroßväter treffen sich junge Leute, setzen sich mit der Geschichte auseinander und werden sensibilisiert für die Folgen von Krieg und Gewalt. Im wahrsten Sinne des Wortes "über den Gräbern" arbeiten sie miteinander für ein gemeinsames Europa in Frieden. Tausende von jungen Leuten motiviert der Volksbund auf diese Weise alljährlich zu dieser Verbindung aus praktischem Geschichtsunterricht und konkreter Friedensarbeit. Ganz nebenbei überwinden sie Grenzen auf der Karte und die im eigenen Kopf. Das dient dem Frieden. "Versöhnung über den Gräbern, Arbeit für den Frieden" – Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, und doch sind heute deutsche Soldaten im Kriegseinsatz fern der Heimat. Wir bereiten aber keine Kriege mehr vor, um den Frieden zu gewinnen. Wir wollen lieber am Frieden bauen, den Frieden vorbereiten, um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu gewinnen.
 
(Dieser Text auf Russisch:)
Und welcher Ort wäre dafür besser als diese Stadt, unser Augsburg? Wir leben in der Friedensstadt, die Stadt mit einer ganz besonderen Verpflichtung für den Dienst am Frieden. Und in dieser Stadt leben zehntausende Menschen der verschiedensten Nationen. Nationen, von denen die meisten sich früher bekämpften und manche leider noch heute bekriegen. Daher wollen wir froh und dankbar sein, dass wir so wichtige Vereinigungen wie den Bund der Vertriebenen oder die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in unserer Mitte haben. Sie leben Versöhnung und arbeiten für den Frieden.
 
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind wie gesagt 67 Jahre vergangen. Der Krieg in Europa ist Gott sei Dank ein zeitlich ferner, aber kein abgeschlossener Teil unserer Vergangenheit. Die furchtbare Erfahrung seiner Schrecken ist Teil unserer Identität wie unserer Sehnsucht nach Frieden.
 Das Gedenken an die Toten ist für uns auch Mahnung der Vergangenheit an die Gegenwart, aus dem zurückliegenden entsetzlichen Leid zu lernen. Wann immer und wo immer wir heute helfen können, Blutvergießen zu beenden und Not zu lindern, wenn wir einen Beitrag leisten können, Versöhnungsprozesse voranzutreiben, wenn wir helfen können, Menschen vor Gewalt und Terror zu schützen, dann müssen wir es tun. Wir dürfen nicht wegschauen, als ginge uns das nichts an. Das ist zuallererst ein Gebot der Menschlichkeit. Es ist aber auch ein Gebot vorausschauender Vernunft.
 
Die Erinnerungskultur, wie sie gerade der Volkstrauertag verkörpert, ist die bewusste Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es liegt auch an uns, wie dieses Jahrhundert verlaufen wird.
Der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung: der Erinnerung an Krieg und Gewalt und des Gedenkens an die Toten. Wir begehen ihn hier an einem Ort des Friedens, in einer Kirche, die dem Heiligen Pankratius geweiht ist, der ein gewaltvollen Tod erlitt. Wir verneigen uns in Trauer vor den Toten und bleiben ihnen verbunden in der dauerhaften Verpflichtung für Frieden und Menschlichkeit.


Veröffentlicht
10:26:00 10.12.2012